Wanderfrust statt Wanderlust – Erstes Trekkingerlebnis in Patagonien

Es sollte so toll werden… Unsere erste Wanderung in den patagonischen Bergen, genauer in der Gegend um Bariloche. Wir hatten uns eine 3-tägige Tour vorgenommen, rund um den Cerro Catedral, mit Übernachtungen in Hütten, hier Refugios. Besser gesagt hat Erwin die Tour geplant. Ich habe mich zwischendurch nur immer mal wieder rückversichert, ob das alles denn auch machbar für MICH ist. Denn bezüglich Wandern in den Bergen gibt es, ich nenne es mal Qualitätsunterschiede, zwischen uns beiden. Aber gut, der zweite Tag ist wohl etwas anstrengender, aber Erwin hat mir immer wieder versichert, dass ich das konditionell hin bekomme.

Los geht’s, wir schultern die Rucksackmonster!

Mit unseren Rucksäcken voller Essen für 3 Tage – wir wollten uns hauptsächlich selbst verpflegen – Isomatten & Schlafsäcken und allerlei anderem Krimskrams. Die Rucksäcke fühlten sich nur unwesentlich leichter an als mit unserer kompletten Reiseausrüstung.

Ich bin ja schon etwas skeptisch…

Nach einigem Hin und Her finden wir morgens um 11:15 Uhr den richtigen Bus nach Catedral – auch hier ist das Bussystem nicht weniger chaotisch als in Buenos Aires. Gegen 12 Uhr starten wir den ersten Wandertag zum Refugio Frey, 4 Stunden laut Wanderpfad, aber alle im Hostel haben uns gesagt, dass man eigentlich nur 3 Stunden braucht. Ich traue diesen selbst eingeschätzten Zeitangaben durchtrainierter Wanderboys ja immer nicht so ganz. Meine Erfahrung in den Alpen hat mir gezeigt, dass ich meistens die auf den Pfaden angegebene Zeit brauche. Selten bin ich schneller. Wir starten bei etwas diesigem Wetter, aber immer noch gibt es Sonnenschein. Die Wetterprognose hat für den Nachmittag ein paar Schauer angesagt. Ich hoffe, dass sie an uns vorbeiziehen oder erst anfangen, wenn wir schon im Refugio sind. Mit den geschulterten Rucksackmonstern laufen wir die ersten 5 km, bei nur leichtem Anstieg, relativ gut weg. Wir haben einen schönen Blick auf den See und ich bin noch ganz guter Dinge. Wenn der Weg so weiter geht, halte ich das locker durch. Aber ich kenne auch die Realität: 700 Meter müssen wir zum Refugio hoch.

Verdammt noch mal, wann kommen nur die Höhenmeter?

Und wie ich so darauf warte, geht es nach der nächsten Kehre doch wirklich steiler bergan und wir biegen in einen Wald ab. Okay, ist ja nicht das erste Mal, dass ich ein paar Höhenmeter im Gebirge mache. Für gewöhnlich beginnt nach wenigen Metern mein Kreislauf hart zu arbeiten, ich komme aus der Puste und mein Tempo ist… gemächlich.

Ich brauche öfter mal ein kurzes Päuschen, aber wenn ich Glück habe, komme auch ich in so etwas wie einen Flow und schaffe es, stetig einen Fuß vor den anderen zu setzen. Aber heute… Es kommt es mir so vor, als wäre es noch schwerer als sonst. Ich finde die Anstiege zu steil und der Rucksack drückt. Ich brauche mehr Pausen und…

Mein Gott, bin ich langsam…

So fühlt es sich jedenfalls an. Erwin sehe ich – wie immer bergauf – nur noch von hinten. Er lässt sich nur zum fotografieren zurückfallen, um mich als „fotogenen Farbtupfer in der Landschaft“ drauf zu haben, wie er sagt. Zu allem Überfluss beginnt es natürlich jetzt zu regnen. Tolles Timing!

Und während ich in meinem Schneckentempo hochkrieche, kommen mir ja langsam Zweifel, ob ich den Tag morgen schaffe. Der ist noch anspruchsvoller als heute. Und ich würde ja am liebsten jetzt schon abbrechen und mich einfach zum Schlafen unter einen Baum legen. Und langsam wird Gewissheit aus meinen Zweifeln. Den Tag morgen würde ich bestimmt hinbekommen, aber es wäre eben kein schöner Tag für mich, sondern eher eine Quälerei. Ich laufe morgen allein zurück und fahre nach Bariloche. Erwin muss leider ohne mich weiter. Erwin wartet auch gerade auf mich. Ich sage es ihm gleich. Und während ich Erwin sehr betrübt erkläre, dass ich morgen unmöglich weiterlaufen kann, sieht auch sein Gesicht nicht wirklich glücklich aus.

„Denkst du wirklich, ich würde jetzt noch glauben, dass wir morgen weiter gehen?“ Auch er hat heute nicht die beste Kondition und fühlt sich irgendwie schlecht zu Fuß. So quälen wir uns also noch die letzten Meter zum Refugio. Immer steil bergauf!

Endlich kommen wir dann an und von Hüttencharme wie in den Alpen ist nicht viel zu spüren. Ich will nicht meckern, vielleicht liegt es auch an unserer allgemeinen Verfassung. Jedenfalls machen wir uns mit unserem mitgebrachten Gaskocher einen warmen Haferbrei. Der sollte zwar eigentlich fürs Frühstück sein, aber das fällt ja ein Mal aus. Wir schlagen das Abendbrot auf der Hütte aus, schließlich wollen wir morgen mit leichteren Rucksäcken und weniger Essen den Weg zurück laufen. Wobei so eine frische Pizza heute Abend den Tag eigentlich noch zu etwas Gutem machen könnte. Also lässt Erwin sich breit schlagen und ich ordere doch noch eine Pizza für uns beide 🙂

Es gibt sogar Weinflaschen und bei diesem furchtbaren Sturzregen draußen bestellen alle Gäste diese sehr eifrig.

„Dos más!“

…, schallte es mehrfach in gebrochenem Spanisch aus den Mündern der klitschnassen zeltenden Bergsteiger.

Das könnte den Abend ja noch etwas schöner machen, aber Erwin weigert sich. Der hat nach diesem missglückten Tag nicht die beste Laune… Drücken wir es mal so aus. Und ich will morgen ja auch halbwegs heil wieder runter kommen, also bestelle ich mir lieber keine Flasche für mich allein 😉

Und so sitzen wir jetzt hier im Gastraum mit einigen anderen Leuten und warten auf unsere Pizza. In 15 Minuten, um 8 Uhr, soll sie fertig sein. Seit ungefähr 16 Uhr sind wir hier. Genug freie Zeit also, in der man nicht viel mehr machen kann, als einen Artikel über unser erstes, etwas frustriertes Wandererlebnis in Patagonien zu schreiben…

Nachtrag: Erwin packt über Nacht wieder das Wanderfieber und er läuft die Tour weiter. Während ich den Berg wieder runterlaufe, träume ich von einem Zimmer nur für mich mit eigenem Bad. Gedacht getan – in Bariloche buche ich ein Zimmer (das unser Reisebudget weit übersteigt…) und kann mich sogar über eine Wanne im Bad freuen! Mein Tag endet also super und auch Erwin bringt seinen Trek erfolgreich zu Ende. Einen Tag später treffen wir uns wie vereinbart – und wieder jeweils in bester Laune – im Hostel.

Ende gut, alles gut!

2 Gedanken zu “Wanderfrust statt Wanderlust – Erstes Trekkingerlebnis in Patagonien

  1. Silvia schreibt:

    Hallo ihr Beiden! Zu der Entscheidung eine Auszeit zu nehmen, kann man nur die Daumen heben.Alles richtig gemacht. Die von euch in Foto’s und Wort festgehaltenen Erlebnisse sind jetzt schon kaum zu toppen. Was wird da wohl noch in den nächsten Monaten kommen??? Bin gespannt!

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    • Melli schreibt:

      Hallo Silvia, wir hoffen natürlich, dass da noch viel kommt. Gerade in El Chalten ist das Internet nicht so gut, so dass wir noch keinen neuen Beitrag hochladen konnten. Aber bald wollen wir wieder berichten. 🙂
      Euch einen schönen 4.Advent heute!

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